SHIATSU

in der stationären Psychosomatik 

 

1.   SHIATSU als Methode der Physiotherapie

2.   Grundlegende Prinzipien im SHIATSU

3.   Lebensenergie und Meridiane

4.   Indikationen für SHIATSU

5.   Erfahrungen mit SHIATSU in der Psychosomatik


1. SHIATSU als Methode der Physiotherapie
 

Ein fester und wertvoller Bestandteil der stationären psychosomatischen Behandlung ist die Physiotherapie (alte Bezeichnung: Krankengymnastik). Die Physiotherapie wird in der Gruppe und als Einzeltherapie angeboten. In dem psychotherapeutischen Rahmen hat sie andere Aufgaben und Schwerpunkte als beispielsweise in der Orthopädie. Neben gewohnten Aspekten wie Schmerzlinderung, Erlernen von wirbelsäulen- und gelenkschonenden Alltagsbewegungen, Verbesserung des Atemflusses usw. geht es häufig erst einmal um Wahrnehmung. Das Wahrnehmen des Körpers überhaupt, das Wahrnehmen des Bodens unter den Füßen, das Wahrnehmen ungeliebter, ignorierter Körperregionen, das Wahrnehmen von Körpersymptomen im Zusammenhang mit der eigenen Bewegungs- und Lebensgeschichte, das Wahrnehmen von unbewussten Ver-Spannungsmustern.  Diese Wahrnehmungsarbeit kann helfen, einen sichereren Boden zu finden, im körperlichen Sinn mehr zu sich zu kommen, und so hoffentlich dazu beitragen, fester im eigenen Leben zu stehen. Oft geht es auch um Regeneration, um Kraft schöpfen nach sehr belastenden Lebensphasen und Ereignissen. In der Arbeit an diesen Zielen hat sich SHIATSU neben anderen Methoden sehr bewährt. 

2. Grundlegende Prinzipien im SHIATSU 

Auf der Basis der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) ist SHIATSU eine ganzheitliche Massage. Der bekleidete Klient wird auf der Seite, dem Bauch oder dem Rücken liegend behandelt, gut möglich ist auch eine sitzende Position. In der Behandlung werden mit vorsichtigen Rotationen Gelenkbereiche gelockert, mit achtsamen Dehnungen muskuläre und bindegewebige Strukturen gelöst, um dann entlang der Meridianverläufe (s.u.) aus der TCM zu behandeln. Die Therapeutin/der Therapeut arbeitet dabei meist mit den Handballen, Daumen oder Ellenbogen. 

Besser gesagt lässt er arbeiten, indem er die Schwerkraft nutzt. Der Behandler drückt nicht mit Muskelkraft, sondern lehnt sich, z.B. mit dem Handballen, Stück für Stück entlang dem Verlauf eines Meridianes an. Dieses Anlehnen ist eine dem SHIATSU sehr typische Berührungsqualität. Sie hilft dem Behandler mühelos zu bleiben und diese Mühelosigkeit in der Berührung dem Klienten mitzuteilen. Es entsteht ein sanfter, tief wirkender Druck. In dieser Art der Berührung ist ein feiner Dialog zwischen SHIATSU - Praktiker und Klient möglich. Der Behandler spürt, wie viel Gewicht der Klient in diesem Bereich gut annehmen kann. Der Klient hat immer die Freiheit zu entscheiden, wie tief er sich auf die Berührung einlässt. 

Der Kontakt in der Behandlung ist fast immer mit zwei Händen. Oft ruht eine Hand an einem wohltuenden Platz (kyo-Zone, s.u.) und die andere Hand wandert im Meridianverlauf. Der Kontakt in der Behandlung ist konstant, der SHIATSU - Praktiker findet fließende Übergänge von einer Körperregion zur anderen. Das gibt dem Klienten Sicherheit und fördert die Integration. Traditionell kommen in einer kompletten Behandlung alle Bereiche (Kopf, Rumpf, Arme und Beine) in die Aufmerksamkeit der Berührung. 

Natürlichkeit und Gelassenheit prägen die Atmosphäre im Shiatsu, nichts wird erzwungen. Die Berührung ist immer respektierend und möchte einladen zu entspannen, sich im körperlichen Sinn sinken zu lassen und vielleicht auch auf seelischer und geistiger Ebene. In diesem Respekt und dieser Achtsamkeit ist die Berührung durchaus kraftvoll, mit viel Gewicht möglich. Sie ist aber immer nur so stark, dass der Klient in die Berührung hinein entspannen kann. Die Berührung will nicht Schwächen bemängeln, sondern geht mitfühlend auf Schmerzen, Bewegungseinschränkungen u.ä. ein. 

3. Lebensenergie und Meridiane beim Shiatsu 

In vielen Kulturen gibt es die Vorstellung von einer alles bewirkenden und durchdringenden Urkraft oder Lebenskraft. Im chinesischen heißt sie Chi, im japanischen Ki, in der indischen Tradition wurde sie Prana genannt und bei den Griechen hieß sie Pneuma. 

Die Lebensenergie ist natürlich überall im lebendigen Körper, die Erfahrung der TCM zeigt aber, dass sie an manchen Punkten leichter berührbar und beeinflussbar ist als in anderen Bereichen. Und die Erfahrung zeigt, dass manche Punkte eher die Lebensenergie im Bereich des Magens, der Galle oder eines anderen Organs beeinflussen. Die Verbindung der den Magen besonders gut beeinflussenden Punkte ergeben den sogenannten Magenmeridian, andere den Gallenblasenmeridian  usw. Dr. Shitsuto Masunaga, ein für den Westen wesentlicher, japanischer Shiatsu lehrer, setzte die Behandlung des Meridians in seinem ganzen Verlauf - also weniger punktuell als in der Akupunktur und in der Akupressur -  zur Unterstützung des Flusses der Lebensenergie ein. 

Wenn die Lebensenergie in uns frei und ungehindert fließen kann, fühlen wir uns wohl und gesund. Fließt zu wenig Energie, sind wir in einem Zustand des Mangels (kyo) und fühlen uns eher müde, kraftlos oder haltlos. Ist die Energie in einem Bereich oder insgesamt gestaut (jitsu), fühlen wir uns eher starr, haben vielleicht Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich oder stehen unter Druck. SHIATSU kann einen Ausgleich schaffen durch belebende Berührung energiearmer Zonen (kyo) und lockernde, lösende Behandlung erstarrter Bereiche (jitsu). 

4. Indikationen für SHIATSU

SHIATSU hat eine ausgleichende und harmonisierende Wirkung. Es fördert die Selbstheilungskräfte und kann sehr gut psychosomatische und vegetative Symptome lindern helfen. Gute Effekte sind besonders bei folgenden Symptomen zu beobachten: 

  • Erschöpfungssymptome

  • Schlafstörungen

  • chronische Schmerzen

  • Funktionelle Störungen des Verdauungssystems

  • Funktionelle Störungen des Herz- und Kreislaufsystems

  • Funktionelle Störungen des Bewegungssystems

  • Chronische Verspannungen

  • Menstruationsbeschwerden

  • Nervosität

  • Unklare Körpergrenzen

  • „Kopflastigkeit“

5. Erfahrungen mit SHIATSU in der stationären Psychosomatik 

Viele Patienten sagen nach einer SHIATSU - Behandlung, dass sie so entspannt seien wie lange nicht mehr. Die Entspannung geht oft einher mit dem Erleben einer ungewohnt deutlichen körperlichen Präsenz. Die eigene Grenze/Körperoberfläche und der tragende Boden sind stärker in der Wahrnehmung. Oft hilft die Berührung ignorierter, abgelehnter, „vergessener“ Bereiche des eigenen Körpers, diese wieder stärker als zu sich gehörig zu erleben. Vielleicht sind das die Füße, ein vor langer Zeit verletzter Arm, die wahre Länge des chronisch verspannten Nackens  oder die tragende Wirbelsäule. 

SHIATSU ist in der Klinik immer wieder auch eine „Vertrauen bildende Maßnahme“. Für viele Menschen ist es  nach schwierigen oder sogar traumatischen Körpererfahrungen nicht einfach, sich berühren zu lassen. In solchen Fällen ist es von größter Wichtigkeit sehr behutsam vorzugehen, die Behandlungsposition sorgfältig zu wählen und keine Berührung ohne das ausdrückliche Einverständnis des Klienten zu machen. Kürzere Behandlungszeiten haben sich bewährt, ebenso wie  ein engmaschiger, verbaler Austausch in der Behandlung. Ein solchermaßen behutsamer Therapieprozess kann helfen, wieder berührbarer zu werden und Berührung auch als heilsam und wohltuend erleben zu können. 

Jürgen Stephan
Krankengymnast und Körpertherapeut
Psychotherapie und Psychosomatik

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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